‚Bad spirit‘
Early evening sketch
Gestern kam ich zu einem uralten Haus
in einem völlig abseits gelegenen Tal
das man eigentlich nur zu Fuß erreichen kann
unerwartet
inmitten eines wilden blühenden Gartens
der sich bis hinunter in unzugängliche Gebiete unten am Bach ausstreckte –
voller Farne, Wildblumen, Kräuter, Linden, Birken
der Nebel stieg gerade auf nach dem letzten Regen
Dort traf ich eine uralte Frau – vielleicht auch weniger alt
mit hellblauen Augen
die irgendwie verwandt schien,
so als käme sie geradewegs aus der Frühzeit
Im Haus
ein kühler Raum
Natursteine
in der Mitte die Küche
lief sie geschäftig hin und her
und erzählte dies und das –
beinah alles, was es zu wissen gab
über ihre ganze Welt
während ich den Duft von Liebstöckel, Rosmarin und wer weiß was tief einatmete
zwischen all den zum Trocknen aufgehängten Kräutern umherschaute
hinaus durch die winzigen uralten Fenster
und überall nur Grün sah,
das zum Fenster herein zu drängen schien
und staunte und murmelte .. alles so grün..
und während sie herrlich duftendes Gemüse mit Tomaten in der Pfanne briet,
schaute sie mich lächelnd an und sagte ganz und gar unvermutet:
Wussten Sie eigentlich, dass die Welt gelb ist?
Und ich musste gar nicht antworten.
Denn eben das –
so erschien es mir –
hatte ich bereits seit jehre gewusst.
piano_d.Form ist ein mehrfach-perspektivisches Projekt
Mittelpunkt ist die Installation eines Klaviers in der Natur und die Beobachtung, Reflektion und künstlerische Transformation von Zerfall und Verwandlung. Die Original Installation wird seit 2009 dokumentiert und wurde während dieses Zeitraums auch zum Zentrum verschiedener Veranstaltungen. Musiker, Autoren und bildende Künstler trafen sich jeweils vor Ort zur spontanen künstlerischen Improvisation. Darüber hinaus fanden bereits mehrere Ausstellungen des Projektes statt – der jeweilige Projektstatus wurde konzeptuell einbezogen. Neben fotografischen Inszenierungen und musikalischen Kompositionen wurde insbesondere die Klang-Bild Performance „piano_d.Form run(time)“ gezeigt.
Hierbei handelt es sich um ein generatives Script, das mittels gesampleter Original-Sounds des Klaviers und Fotografien eine multi-dimensionale Impression per Zufalls-Algoritmus (live) erzeugt.
Diese Aufführung wird zu einem einmaligen Event, da sie aufgrund der Programmierung nicht wiederholbar ist. Dokumentationen des Projekts und Live Mitschnitte finden sich auf youtube unter
Video of a generative audio-visual performance. The real-time art-script generates new views and metamorphosis of the „piano_d.FORM“ by using random algorithms. At the same time the script creates a sound composition using sampled original sounds of the original piano_d.Form. The computer-generated performance is based on an art-script of the media artist Brigitte Felician Siebrecht. The program creates an artificial, random impression, that plays with the dissolving of form. The sound composition works with tempo and tone variations. Fragmentary transparencies, a mix of different states of development – creating a kind of multi-perspective vision and reveals the visibility of the „essence of form.“ Each generated view, each visual moment, every audio composition is unique and unrepeatable – due to the random structure of the script – the possibilities of change are nearly infinit.
– gesprochen von einem Sprach-Roboter untermalt einen impressiven Zusammenschnitt der Piano Metamorphosen in den letzten 2 Jahren. Auffassung wie ein Mantra. Neuro-mantric speaking and thought-fragments / poem about FORM – spoken by a robot – compilation of piano metamorphosis during the last 2 years. part of the artwork piano_d.FORM
FORMdieFORMEN
ABSICHT zu FORMWERDEN FORM zu FUNKTION Form funktioniert für FUNKTION ABSICHT wird FORM wird FUNKTION wird BEDEUTUNG BEDEUTUNGS-VEREINBARUNG zu FUNKTION REDUKTION zu FUNKTION SEIN ENTDEUTUNG ENTFUNKTIONALISIERUNG ENTLASSUNG FORM? FORM von Funktion entleert- FORM von Bedeutung entleert- FORM von ABSICHT enleert- FORM sichtbar FORM unsichtbar
Gedankenabriss I
Ist der seiner Funktion entledigte Gebrauchsgegenstand noch ein Gegenstand oder ist er pure Form? Verfall ist in seiner Grundästhetik mindestens ebenso faszinierend wie das Entstehen. Warum fasziniert Verfall? Gibt es überhaupt einen Zerfall? Oder sind nicht alle Dinge dem Wandel unterworfen und unser Urteil, dass dies oder jenes die eigentliche Form sei nur ein kurzer Zwischenzustand und ein winziger Ausschnitt aus dem Gesamtsein eines Dinges? Das Sein und Werden als Gesamtheit betrachten aus einer ästhetischen Leidenschaft heraus: Denn Verfall ist ebenso schön wie Aufbau. Das Memento mori überwinden Gesamtheit wahrnehmen Wandel ist Wahrheit Wenn Staub der Urgrund aller Dinge ist, so ist Form ein Übergangsprodukt, die Definition von Funktion ein kurzes sich Aufbäumen des Bewusstseins Die Menge an Staub bleibt gleich. Im Staub sind alle Dinge gleich… Anstelle des Memento mori und des Jammers über die Vergänglichkeit kann das ästhetische Schwimmen durch Werden und Vergehen treten – das Glück des nie endenden Wandels…
Gedankenabriss II Memento mori
Das Sein und Werden als Gesamtheit betrachten aus einer ästhetischen Leidenschaft heraus: Denn Verfall ist ebenso schön wie Aufbau. Das Memento mori überwinden Gesamtheit wahrnehmen Wandel als Wahrheit Wenn Staub der Urgrund aller Dinge ist, so ist Form ein Übergangsprodukt, die Definition von Funktion ein kurzes sich Aufbäumen des Bewusstseins Die Menge an Staub bleibt gleich. Im Staub sind alle Dinge gleich… Anstelle des Memento mori und des Jammers über die Vergänglichkeit kann das ästhetische Schwimmen durch Werden und Vergehen treten – das Glück des im Wandel Bewusst-Seienden…
Gedankenabriss III piano de[fɔʁm] [ˈfɔʁmən]
die Form die Formen der Form der Formen der Form den Formen die Form die Formen FORM ist – die äußere Gestalt eines Objektes – der Endzustand, den das Veränderte annimmt – die Hülle, die ein Material aufnimmt und diesem Gestalt gibt – ein gedankliches Konstrukt Die Verwandlung Die Verwesung der Verfall Die Verwitterung die DeFormierung VERWITTERUNG Temperaturverwitterung Druckentlastungsverwitterung Frostverwitterung Hydrationsverwitterung Salzverwitterung Lösungsverwitterung Kohlensäureverwitterung Hydrolyse Chemisch-biologische Verwitterung sind ein Prozess! Wohingegen: die Funktion eines Objektes (Piano) ist ein Zustand Wir haben also – indem wir die Funktion beendet haben – und einen Prozess angestoßen haben – das Objekt in Bewegung versetzt dem Objekt eine Dimension hinzgefügt: Zeit > Bewegung > Geschwindigkeit (Das Kunstwerk steht meist am Ende dieses Prozesses, kann aber seit der Moderne auch der Prozess selbst sein)
KONZEPT
Das KLavier befindet sich seit 2009 kontinuierlich an verschiedenen Orten im Freien.
Sonne, Regen, Wind, Kälte und Hitze, aber auch Pflanzen und Tiere vereinnahmen das Klavier seither.
Es ist einer ständigen Verwandlung unterworfen, dient verschiedensten Tieren als Unterschlupf, wird Teil des Wachstumsprozesses benachbarter Pflanzen und Bäume. Seine Funktion und Bedeutung wandelt sich kontinuierlich. Die Ausstellung zeigt Entwicklungsprozesse, Verwandlungen, künstlerische Bearbeitungen, Animationen und Klangkompositionen, sowie philosophische und prosaische Kurzgedanken.
Das Klavier im Garten wurde zudem in den letzten beiden Jahren zum Mittelpunkt künstlerischer Zusammentreffen mit Künstlern verschiedener Metiers.
Ausschnitte aus diesen Zusammenkünften waren Bestandteil der 1. Ausstellung des „piano deFORM“ in der Mannesmann Halle / WerkStadt Witten.
Was wird aus einem Gebrauchsgegenstand, der seiner primären Funktion entledigt wird?
Ist er noch Gegenstand oder ist er pure Form?
Kann ein Klavier sterben?
Bleibt ein Klavier ein Klavier, auch wenn es als solches nicht mehr erkennbar ist?
Oder gibt die gedankliche Zuschreibung einer Bedeutung den Dingen ihre Form?
Der Verfall erscheint in diesem Prozess in seiner Ästhetik und Schönheit ebenso faszinierend wie das Entstehen.
Die Beobachtung der Ästhetik von Verwitterung ist dennoch nur ein begleitender Aspekt des piano deFORM Projektes. Letztlich entstehen aus dem Deformationsprozess und dem Versuch, das Entstehende in die eigene Welt zu re-integrieren in der Hauptsache neue Sichtweisen und individuelle (Be)Deutungen… Ein innerer Zusammenhang wird sichtbar zwischen Entstehung und Verfall: Stetige, nie endende Verwandlung ist die letzte Wahrheit jedes Dinges – Form und Funktion sind nur kurze Übergänge innerhalb eines unendlichen Prozesses.
EN Kunst 2006
‚Das Leben ist ein Kunstwerk und das Kunstwerk ist Leben’
[Emmet Williams]
Die Fähigkeit, Vorstellungen des Realen zu verändern, neue Begriffe zu bilden, das eigene Bewusstsein zu ver-wandeln, macht aus Menschen nicht nur Autoren von Kunst sondern auch Schöpfer der Wirklichkeit …Kunst wird damit zur „Weltanschauung“.
Im Rahmen der „EN-Kunst 2006“ installierten die beiden Künstler B. Felician Siebrecht und KL Pempeit von September bis November 2006 auf dem Gelände des LWL-Industriemuseums Henrichshütte in Hattingen ihre eigens für diesen Ort entwickelte Arbeit „17 Tafeln“.
Die ca. 20 m breite und 2 m hohe Installation nahm dabei bewusst direkten Bezug auf die “gewordene” Umgebung auf dem Gelände der Henrichshütte. Gefundene, zufällige Strukturen aus Farbe und korrodiertem Metall, die von deren ehemaliger Funktion zeugen, wurden aufgegriffen.
Losgelöst von eben dieser ursprünglichen Nutzung und Bedeutung wurden sie von den beiden Medienkünstlern als höchst ästhetische Objekte wahrgenommen und in Korrespondenz zu den ursprünglichen Objekten – quasi als Vorstellungs-Spiegelung – wiedergegeben.
Dabei wurden die zufälligen, durch (natürliche) Prozesse entstandenen Strukturen zur intuitiven Anregung. Interpretationen des Schemenhaften vertieften das bereits Vorhandene und modulierten aus dem „GeBilde“ analog das „Bild“. Scheinbar „Bedeutungsloses“ wandelte sich damit für den menschlichen Blick in „Bedeutungsvolles“.
Die Wirkung der Installation war ausgerichtet auf das Erleben jedes Einzelnen, die Beobachtung der eigenen Vorstellungsbildung und die Entdeckung der aktiven Gestaltung des Wahrgenommenen.
Für die beiden Künstler aus Iserlohn ist Interaktivität in ihrer Arbeit ein zentraler Punkt. Der „Einstieg“ der Betrachter in eine Form von Aktivität war daher betonte Absicht.
Es sollte nicht ein „Kunstwerk“ entstehen, dem sich die Betrachter gegenüber sehen, sondern es wollte Vorschlag sein, anders zu sehen, neu zu sehen – Anregung, sich die Welt in kreativer Weise zu “eigen” zu machen…
Der Ansatz, die Neuen Medien nur als Werkzeug zur Duplikation zu nutzen und den Schauplatz der Interaktivität in der äußeren Wirklichkeit zu belassen, ist dabei die Besonderheit.
Zuletzt schienen sich die Motive eingeprägt zu haben in die Originale – sie waren dort sichtbar geworden – quasi nicht mehr „weg-zu-denken“…
Das Spiel mit der eigenen Kreativität und Vorstellung – ganz im Beuysschen Sinne („Jeder Mensch ist ein Künstler“) hat die Mehrheit der Ausstellungsbesucher in seinen Bann gezogen. Einige empfanden dies sogar als Rückkehr in die eigene Kindheit, in der man eine gewisse Ausgelassenheit gegenüber den Wahrnehmungen der Welt erlebt hatte.
Die zurückbleibende Frage: „Was und wie sehen wir eigentlich wirklich?“ lässt sich übertragen auf alle Orte und Situationen menschlichen Lebens.
Siebrecht und Pempeit wollten mit dieser speziellen Visualisierung außerdem eine Analogie schaffen zum Schicksal vieler Industriebrachen, die in den letzten Jahren verstärkt durch so genannte “Umnutzungen” eine neue Existenzberechtigung erhalten haben. Auch die 17 Tafeln der Henrichshütte haben eine „Umnutzung“ bzw. „Umdeutung“ ihrer ursprünglichen Bedeutung erfahren, deren Wirkung anhält, auch nach Demontage der Installation vor Ort und die sich ausbreitet auf das gesamte Gelände.
Zunächst 2008 als gemeinsames Projekt „Delphi 2.008“ (Lyrik und Malerei) mit der Frankfurter Autorin Beate von Devivere entstanden. Die Serie wird fortgeführt.
Die Arbeiten entstehen aus einer Kombination von Fotografie, Malerei und Print – die abgebildeten Personen werden zunächst in ihren spezifischen Umgebungen portraitiert.
Zugrunde liegt die Idee einer Visualisierung des sich wandelnden Umgangs mit ehemaligen Gegensätzen und Ambivalenzen, mit absichtlich widersprüchlichen Synthesen in der aktuellen Lebenswelt.
Hightech und Religion – Sind Artificial Intelligences die Engel von morgen, Mode und Mythos – Popkultur ad absurdum: Jeder ist ein Star, jeder ist ein Künstler, Quantenphysik und Pixeluniversum, Virtual Reality und Transzendenz, Trend und Individualität, SocialWeb und Isolation …
Versucht plakative Annäherungen an diese plötzlich erlaubten Scheinsynthesen.
Die Möglichkeit ergibt sich, Verbindungen, Verästelungen, authentisch zur Schau Getragenes zu formulieren.
Das Unsichtbare finden… Rätsel lösen oder aufbauen…
Das Nebeneinander von fotografischen Fragmenten, tatsächlichen malerischen Strukturen (Strukturpasten, Pinselspuren), digitalen Verzerrungen und Pixeleffekten greift auf der formalen Ebene den Konglomerat-Charakter auf.
Im Mittelpunkt steht meist eine (reale) Person, seltener auch Gruppen von Personen. Die ursprüngliche Fotografie wird jedoch nur fragmentarisch verwendet und zu Patterns stilisiert.
Personen, Teile von Orten und zugehörige Objekte werden dekorativer und doch bedeutsamer Teil der Bild-Oberfläche.
Als Gestaltungselemente werden Symbole, Zeichen, Accessoires und Requisiten genutzt. Sie entstammen dem tatsächlichen alltäglichen Leben er Akteure, aber ebenso den Geschichtsbüchern oder dem kollektiven Unbewußten.
[Linienpläne Öffentlicher Verkehrsmittel, Verkehrszeichen, Hinweisschilder und Pictogramme,
Computerplatinen, Handys, iPads, Rucksäcke, Skateboards, T-Shirts, Wandreliefs, Säulen, Griechische Helme, U-Bahnhof Szenarien, Wolkenkratzer, Tempel, mythische Symbol ]
Synthesen scheinen plötzlich selbstverständlich, bilden innere Konjunktionen aufgrund der sie verbindenden authentisch gedachten Privat-Ideologien.
Gesamtsituation / Kollektiv, das grundlegend Menschliche / Ausdruck des Einzelnen, die Vermassung wird Individualsport.
Malerisch „dekorative“ Gestaltungselemente transzendieren augenblicklich das rein DEKORATIVE. Sie sind Aussagen, quasi Projektionsflächen innerer Welten und Ebenen der Protagonisten.
delphi – frankfurt
der jugendliche wagenlenker
die anmutigen kämpfer
sind mitten unter uns
sie lösen die gleiche fahrkarte
sitzen neben uns
in den u-bahnen der metropolen
lenken ihre unsichtbaren wagen
auf dem weg ins freie
siegesgewiss und geschmeidig
halten sie die zügel in der hand
noch immer lädt der parnass sie ein
und sie träumen von dem gipfel
ihr wunderbares in falten gelegtes gewand
eine verschlissene jeans ihre gaben
tragen sie in haltbaren rucksäcken
mit der aufschrift vision
sie schmieden ihre pläne mit einem lächeln
auf ihrem leicht geöffneten mund
schauen sie in ihre zukunft
so anmutig
© Beate von Devivere,
1. Preis Lyrik, deutschsprachiger Literaturwettbewerb
Künstlergilde 2007
wörterwelt
palast zelt brunnen garten limone zelt
und ich höre den brunnen
im garten des kalifen von isfahan
ich sehe azurblau umgeben von gold
orangen im lichtgrünen hain
vor den ockerfarbenen hügeln der nahen wüste
ich fühle die weiche wolle
des teppichs im dunklen zelt des pashtun
in der ebene vor den gipfeln des hindukush
ich schmecke den frischen nektar
der limonen im glas
das der junge mit den dunkel
glänzenden augen stehend vor dem schoß seiner mutter
im purpurfarbenen nomadengewand
mir reicht während eine
stimme vom hauptbahnhof spricht
bin ich längst ausgestiegen
unterwegs
in meiner wunderbaren wörterwelt
© Beate von Devivere
unsere götter
kommen unsere götter
zurück in das köstliche chaos der
wunderbar erleuchteten metropolen
gaia geliebte
der immergrünen stechpalmenwälder
gekürt zur schönsten auf allen kontinenten
gürtet in beverley hills
ihr vielfarbiges celluloidband
tanzt ab auf dem glänzenden patenteparkett
mit tartaros berauschender traumpartner
junger gründer mit zukunftsoptionen
auf die entschlüsselung ihrer astralkörper
unterwegs ohne zeit und raum
auf der suche nach seiner madonna –
seiner erotik erlegen
verkündet sie mit versunkenem blick
auf ihr schwarzblaues gewand
mit zwölf strasssteinen
die endlich gelungene geburt
des von ihr selbst gezeugten
uranos der himmel und sie
steigen ineinander verzückt
in seinen irdischen wagen
die müde metropole grüsst der berühmte
von menschenhand geformte morgenstern
stillen schnell ihren lebenshunger
am nächsten drive-in
verbinden sie sich
und sind noch stolz
auf ihre kinder die titanen
frisch verliebte in ihrem lebenslabor
schauen sie mit freude auf
ihre schöpfungen die chimären
verlangen nimmersatt nach nichts
anderem nur noch mehr
verschlingen sie schließlich
ihre kinder
unsere götter
© Beate von Devivere
„Zwischen den Zeichen“
contemporary art ruhr / Zollverein Essen 2008
Künstlerisches Konzept zur Ausstellung 2008
Between the bytes [programming-radnom-inspiration]
There’s an invisible layer behind every digital piece of art.
The layer of signs, codes and algorithms.
Usually we appreciate the aesthetic surface – because here we find the artistic validity.
But in fact the „Layer behind“ in digital art matters much more than we believe!
Between the Bytes is an experiment concerning explicitly the layer of bytes and codes and turns it „inside out“ into perception.
Digital Photographs are the starting point. The motives are mainly abstract or experimental.
Brigitte Felician Siebrecht developed a script that dissects the digital informations of the photographs into an unsorted pool of data. Next the script assembles new variations on the basis of random algorithms. This new sorted bytelist is turned into a picture again.
For computers there is hardly a difference between the variations – but for human perception it makes a real difference. Can we take the new image as an aesthetics piece of art? Or is the idea the only left artificial aspect?
The script is able to assemble indefinite variations within a short time.
In distinction from that the artists take the original digital photographs to compose a new image either.
Idea versus algorithm.
The restriction to a limited pool of data makes artistic work strenuous.
Work is just finished when it’s completed.
The new work takes several days to come up and is at least not replicable or repeatable.
Is uniqueness wedded fundamentally to our concept of art?
The exhibit „between the bytes“ show expressive collected series combining artistic works from the „machine“ from the artists.
The visitor will find himself thrown into questions about the meaning of inspiration and individuality inside of the artistic process.
For the machine all variations are pretty much equal.
What do we perceive?
Machines can not read between the bytes. Not yet? Will they ever?
Zu den sozusagen kumulativen Erkenntnissen, die uns, meine sehr verehrten
Damen und Herren, von unzähligen Museumsbesuchen geblieben sind, gehört
folgende: das typische Landschaftsgemälde kommt im Querformat daher. Weil
dieses sich ideal anbietet, die meist als horizontale Bänder auftretenden
Naturerscheinungen Erde, Feld, Wald, Fluß, Weg, Meer, Himmel plausibel zu
staffeln. Dafür, daß Querformat immer noch Landschaft signalisiert, auch
wenn es statt handgemalt maschinengedruckt ist und uns statt der ge-nannten
Naturerscheinungen nur wie mit dem Lineal gemessene horizontale Farbstreifen
begegnen, dafür finden wir hier im Raum mehrere Beispiele. Anders verhält es
sich mit dem Bild, das ich als Einstieg in diese Ausstellung empfehle. Als
gleichseitiger Quadrat-meter hängt es an der Wand, als Digitalfotografie,
die das Künstlerduo Siebrecht und Pempeit nach einer eigenen Methode
prozessiert und als Pigmentdruck auf Leinwand gebracht hat. Aber selbst wenn
es sich nicht schon per Titel „landscape fragmented – in Teile zerlegte
Landschaft“ thematisch zu erkennen gäbe, hätte der Betrachter doch am Motiv
kaum Zweifel: zu sehr ist sein Wahrnehmungsapparat geeicht auf die
Situation, Grasgrün zu sehen, wenn er den Blick senkt, Himmelsblau, wenn er
den Blick hebt, und jenen hellen Bereich dazwischen, der für Gebäude stehen
könnte, asphaltierte Flächen, Mauern und Zäune – jedenfalls etwas vom
Menschen Gesetztes. Nicht der verwischte Eindruck dieser Mittelzone ist es,
was verwirrt. Es sind die Rotanteile des Werks. Kerzen-gerade und fadendünn
steigen sie auf, dichtgereiht und doch wieder transparent, aus dem Grün hoch
ins Blau, an Fontänen erinnernd, die ihr purpurnes Naß in die Luft schießen.
Doch welches Naß? Welche Substanz wurde da zu spritzenden Partikeln
zerschreddert? Ist da eben noch ein Rasenmäher durchs Bild gerollt? Und was
hat er erwischt? Nur ein Bü-schel Mohnblumen – oder nicht vielleicht doch
etwas Kostbareres, Empfindlicheres? Plötzlich hat der Betrachter das Gefühl,
er steht vor einer Szene, die ihre Unschuld verlo-ren hat allein schon weil
in ihr etwas vorgefallen ist, dessen Konsequenzen buchstäblich noch in der
Luft hängen, ohne daß man doch rekonstruieren könnte, was. Durch irgendeine
Manipulation, auf die zurückzukommen sein wird, ist es seinen Augen
entzogen. Des Rät-sels Lösung pocht gleichsam von hinten ans Bild, kommt
aber nicht durch.
Das läßt mich an einen Film denken, den Sie alle kennen. Nein, nicht den
„Rasenmäher-Mann“, frei nach Stephen King. Ich meine „Blow Up“, den
Klassiker der Kinoleinwand, den Michelangelo Antonioni 1966 vor dem
Hintergrund des „Swinging London“ drehte. Sie werden sich erinnern: da ist
der Modefotograf, der sich ein bißchen, gerade so viel, daß es nicht
schmerzt, an den Grenzen seines Metiers reibt und etwas Authentischeres
versuchen möchte. Der Teufel beschenkt ihn genau damit. Als er
Gelegenheitsfotos eines Lie-bespaars in einem Park macht, nimmt er ungewollt
Täter und Opfer eines offenkundigen Mordfalls mit auf. Doch unentzifferbar
klein im Gebüsch. Als er ein Blow Up, eine Ver-größerung herstellt, lösen
sich der leblose Körper ebenso wie die Hand mit der Pistole auf in
grobkörnige Unschärfe. Er ist genauso schlau wie zuvor. Eine Bekannt, der er
das Blow Up zeigt, sagt bezeichnenderweise: „Das sieht aus, als hätte mein
Freund es gemalt.“ Zweifellos ein Vertreter der abstrakten Fraktion. Nolens
volens wird der Fotograf tiefer in den Fall verstrickt: erst entdeckt er die
Leiche am Tatort, zeigt es aber nicht an, weil er plant, es kommerziell
publik zu machen; dann ist die Leiche verschwunden, und beim
Nachhause-kommen muß er feststellen, daß sowohl Abzüge als auch Negative aus
seinem Studio gestohlen worden sind. Ich würde mal vermuten, er hat den
Authentizitätstest nicht bestan-den… Auch in dieser filmischen Meditation
über die Manipulierbarkeit von Medien und Menschen und grundsätzlich über
die Moral des gestalterisch Kreativen klopft des Rätsels Lösung gleichsam
von hinten ans Bild, ohne durchzukommen. Am Ende weiß das Publi-kum nicht
mehr, was jetzt Realität, was Einbildung war, was bedeutungsvoll, was
bedeu-tungslos, was Oberfläche, was tragender Grund.
Das ist so verschieden nicht von den Fragen, davon unser Duo Siebrecht und
Pempeit um-getrieben wird, das seit mehreren Jahren schon künstlerisch
zusammenarbeitet. Bei ihnen ist, dem technischen Stand der Zeit gemäß, die
Körnung des Fotopapiers der Pixelung ge-wichen, der man auf dem Monitor des
Rechners, erst recht aber im aufwendigen Compu-terprint begegnet. Ausgehend
von Farbfotografien beider haben sie ein Konzept von Pro-duktion und
Präsentation entwickelt, das die auf Leinwand gedruckten Ergebnisse
hinein-schickt mitten ins Spannungsfeld zwischen Wirklichkeit und Kunst,
mathematischer Steuerung und freischweifender Inspiration, Individualität
und Austauschbarkeit. Und was jene mysteriöse Kraft betrifft, die von hinten
ans Bild klopft, weil sie definiert werden will – so ist ihre Bestimmung
nicht mehr so sehr Aufgabe des Werkurhebers wie nun des Werkbe-trachters.
Geradezu didaktisch wird der bei der Hand genommen von den diversen
Fünfer-serien. Jede enthält einen Ausdruck des Originalfotos, das von sich
aus mal mehr, mal weniger gegenständliche Wiedererkennbarkeit mitbringt.
Sodann zwei Überarbeitungen, jeweils eine von B.Felician Siebrecht, eine von
K.L.Pempeit, wo streng auf der Basis des digitalen Datenbestands eine
Abfolge gestalterischer Entscheidungen zu völlig unter-schiedlichen
Kompositionen geführt hat. Bleiben zwei weitere Variationen. Auch sie
be-nutzen nichts anderes als den Datenbestand der Originale, wobei seiner
Anordnung jedoch ein spezielles Siebrecht’ sches Computerprogramm
zugrundeliegt. Dessen Algoritmen – sprich: regelhafte Rechen-vorgänge –
ergeben ein Muster, ein Muster von Hunderttausen-den hin- und hergeschobener
Einzelzeichen, das durchaus einer Programmlogik gehorcht, für unseren
Laienverstand aber besser mit „Zufall“ übersetzt wäre. Und „Muster“ ist denn
auch der Begriff, der einem auf die Lippen kommt, wenn es darum geht, die
visuellen Effekte zu beschreiben. Sie gleichen Geweben, wo Farbfäden, lang
und fein und dicht wie Schnürlregen, ineinander verzahnt sind. Oder
unendlich behutsam angefertigten Sandbil-dern, deren edelsteinhaft
leuchtende Pülverchen senkrecht-linear ineinander gekämmt wurden. Da kann
das Purpurrot von einem Flamingorosa abgelöst werden, das Kobalt- von einem
Eisblau. Angesichts der Fünferserie „Rose“ müßte Getrude Stein erst mal
einen Computer-Kurs besuchen, um begreifen zu können, weswegen ihr berühmter
Satz „A rose is a rose is a rose“ auch nach allen Pixel-Manipulationen immer
noch gilt.
Bei den Fünferserien wird im Titel ganz klar unterschieden, welches die
algoritmisch entstandenen Stationen sind und welches die als „Digitale
Malerei“ ausgewiesenen Sta-tionen, die sich dem gestalterischen Gutdünken
der Künstler verdanken – freilich mit un-gleich mehr Zeiteinsatz. Es hebt
die Werke des Duos Siebrecht und Pempeit ab von einer verbreiteten
kommerziell-glatten Tendenz innerhalb der Digitalmalerei, daß sie oft etwas
ausgesprochen Griffiges ausstrahlen, reich an vermeintlichen Überlagerungen,
Wölbungen, Materialtransparenzen wie von Linsen oder Prismen, als handle es
sich bei ihnen um reale Collagen oder Reliefs. Manchmal hat man den
Eindruck, es seien gezielt regelrechte Stör-körper und Irritationsfelder
eingebaut. Bei B.Felician Siebrecht, von der Ausbildung her Malerin, ist
diese Lust an Plastizität und Raum verwunderlicher als bei ihrem Partner
K.L. Pempeit. Denn der fußt auf einer soliden Steinmetz- und
Bildhauergrundlage. Er nimmt seine Herkunft neuerdings wortwörtlich mit den
Fliesenreliefs. Das Dilemma: „Wie kann man eigentlich ein Bild hauen?“ hat
er für sich aufgelöst, indem er per Sandstrahlverfahren höchst komplexe
Motive aus dem schwarzen Granit herausfräst. Wobei ganz am Anfang zwar eine
Zeichnung mit dem Stift stehen kann, immer jedoch eine Digitalübertragung
erst die Pixelstruktur schafft, die in der fertigen Arbeit die Suggestion
von Licht und Schatten und sogar von Tiefenerstreckung schafft.
Ob Schwarz-Weiß im Millimeterrelief, ob rein und kontrastkräftig auf die
Leinwand ge-spritzte Farben, die ihre Mischung nur durch die Nadelausschläge
des Algoritmus erfahren – über der Entwicklung getrennter und gemeinsamer
Konzepte ist für das Künstlerduo Siebrecht und Pempeit die Sinnlichkeit
nicht auf der Strecke geblieben. So scheinen sich nicht nur rätselhafte
Gegenstände und nicht mehr recht einholbare Ereignisse – pochpoch – von der
Rückseite des Bilder her bemerkbar zu machen. Es sind, wie bereits erwähnt,
auch grundsätzliche Fragen, die, allerdings mit etwas anderen Vorzeichen,
während der ganzen Kunstgeschichte gestellt wurden. Die im 19.Jahrhundert
virulente philosophische Kontro-verse über die Unterschiede zwischen dem
Naturschönen und dem Kunstschönen ist heute, zu Beginn des 21.Jahrhunderts,
und namentlich im Kontext der Videor Art Foundation, zur Seite gedrängt von
der Kontroverse zwischen dem Schönen, das von Hand, und dem, das von
Maschinen generiert ist, per Inspiration oder per Programm. Wir, die wir
ästhetischen Genuss aus der Begegnung mit beidem ziehen, können uns schlecht
aus der Kontroverse schmuggeln mit dem Argument, hinter der Maschine und dem
Programm stehe schließlich auch der Mensch. Spüren wir doch, daß die
Wirkungsweise der Resultate unterschiedlich ist, von der Erscheinungsweise
einmal ganz abgesehen. Wenn wir als Publikum heute abend zu keiner
endgültigen Erkenntnis vorstoßen, ist das um so verzeihlicher, als auch
B.Felician Siebrecht und K.L.Pempeit an dieser Nuß noch knacken. Wie wir
wandern sie suchend und grübelnd „zwischen den Zeichen“ umher – daher der
Titel dieser Ausstellung.
© Dr.Roland Held, Darmstadt 2008
Fotoserie „Other Land“ ist als limitierte Edition /Spezial Fotoprint
at my portfolio at Saatchi’s Gallery…at my portfolio at Saatchi’s Gallery
Fotografie | Malerei
Die OberFläche ist das zentrale Thema in den Arbeiten der Künstlerin. Mittels ihrer speziellen Mischtechnik schafft sie in der Serie „seems like trees“ aus fotografischen Andeutungen, digitalen Rastern und Fragmenten und einer beinahe impressionistisch anmutenden Malerei „Räume aus Wald“. Vielschichtige, teils durchsichtige Ebenen, ein nicht greifbares Spiel aus Licht und Dunkel verbinden sich mit kurzfristigen realistischen Sequenzen zu einem Einblick in einen beinahe mystischen, fremden und doch irgendwie bekannten Ort.
Die Arbeiten der Serie scheinen Hybridwesen zu sein – irgendwo zwischen Fotografie und Malerei. Aus der Nähe betrachtet zerfallen sie hier und da zu reiner Oberfläche aus abstrakten Punkten, Strukturen und Linien.
„Die Beweglichkeit der eigenen Wahrnehmung – vor der Festlegung auf die Vorstellung des endgültigen Bildes“, stellt für die Künstlerin ein faszinierendes Moment ihrer künstlerischen Arbeit dar.
Ausstellungstext Galerie Atta worldwide Weimar 2010