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Ausstellung GfW Showroom Iserlohn

dummythumbImpressionen von der Ausstellung im GfW Showroom
Heilig-Geist-Passage / Iserlohn City

 

Gezeigt wird das Projekt Zwischen den Zeichen / between the [Bytes] – eine gemeinsames Projekt des Künstlerduos Siebrecht && Pempeit, für dessen generativen Teil Siebrecht 2007 das Script entwickelte.

 

Während der „contemporary art ruhr“ / Essen Zollverein  2007 wurde die Arbeit mit dem Gerstaecker Publikumspreis ausgezeichnet.

 

Außerdem wird der Trailer des generativen  Video-Audio Projektes ‚inner(City)‘ von Brigitte Felician Siebrecht gezeigt, das derzeit in Iserlohn stattfindet. Iserlohner (und Nicht-Iserlohner, sowie New Yorker und Wuppertaler;) sind aufgerufen, sich mit Fotografien von Iserlohn zu beteiligen.  Der ganz eigene Blick auf die Stadt und seine Orte zählt dabei. Das Video erzeugt sich mittels eines Scripts kontinuierlich selbst während es läuft.

 

 

Das fertige Projekt inner(City) wird während der Barendorfer Ateliernacht am 23./24.August 2014 uraufgeführt.

 

inner(City) von Brigitte Felician Siebrecht wurde erstmals im Vorfeld der Kulturhauptstadt 2010 in Dortmund durchgeführt und unter dem Ausstellungstitel DO.CuMent in der Galerie Camera Obscura, Dortmund gezeigt.

 

Hintergrund Infos zum Projekt „inner(City)“

 

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Zwischen den Zeichen | between the [BYTES]

Zwischen den Zeichen

Künstlerisches Konzept zur Ausstellung 2008

Between the bytes [programming-radnom-inspiration]

There’s an invisible layer behind every digital piece of art.
The layer of signs, codes and algorithms.
Usually we appreciate the aesthetic surface – because here we find the artistic validity.
But in fact the „Layer behind“  in digital art matters much more than we believe!

 

 

 

Between the Bytes is an experiment concerning explicitly the layer of  bytes and codes and turns it „inside out“ into perception.

Digital Photographs are the starting point. The motives are mainly abstract or experimental.
Brigitte Felician Siebrecht developed a script that dissects the digital informations of the photographs into an unsorted pool of data. Next the script assembles new variations on the basis of random algorithms. This new sorted bytelist is turned into a picture again.

For computers there is hardly a difference between the variations – but for human perception it makes a real difference. Can we take the new image as an aesthetics piece of art? Or is the idea the only left artificial aspect?

The script is able to assemble indefinite variations within a short time.
In distinction from that the artists take the original digital photographs to compose a new image either.

Idea versus algorithm.
The restriction to a limited pool of data makes artistic work strenuous.
Work is just finished when it’s completed.
The new work takes several days to come up and is at least not replicable or repeatable.

Is uniqueness wedded fundamentally to our concept of art?

The exhibit „between the bytes“ show expressive collected series combining artistic works from the „machine“ from the artists.

The visitor will find himself thrown into questions about the meaning of inspiration and individuality inside of the artistic process.

For the machine all variations are pretty much equal.

What do we perceive?

Machines can not read between the bytes. Not yet? Will they ever?

 

Dr.Roland Held
Ausstellungseröffnung Videor Art Foundation
Exhibition „Between the Bytes“

Zu den sozusagen kumulativen Erkenntnissen, die uns, meine sehr verehrten

Damen und Herren, von unzähligen Museumsbesuchen geblieben sind, gehört

folgende: das typische Landschaftsgemälde kommt im Querformat daher. Weil

dieses sich ideal anbietet, die meist als horizontale Bänder auftretenden

Naturerscheinungen Erde, Feld, Wald, Fluß, Weg, Meer, Himmel plausibel zu

staffeln. Dafür, daß Querformat immer noch Landschaft signalisiert, auch

wenn es statt handgemalt maschinengedruckt ist und uns statt der ge-nannten

Naturerscheinungen nur wie mit dem Lineal gemessene horizontale Farbstreifen

begegnen, dafür finden wir hier im Raum mehrere Beispiele. Anders verhält es

sich mit dem Bild, das ich als Einstieg in diese Ausstellung empfehle. Als

gleichseitiger Quadrat-meter hängt es an der Wand, als Digitalfotografie,

die das Künstlerduo Siebrecht und Pempeit nach einer eigenen Methode

prozessiert und als Pigmentdruck auf Leinwand gebracht hat. Aber selbst wenn

es sich nicht schon per Titel „landscape fragmented – in Teile zerlegte

Landschaft“ thematisch zu erkennen gäbe, hätte der Betrachter doch am Motiv

kaum Zweifel: zu sehr ist sein Wahrnehmungsapparat geeicht auf die

Situation, Grasgrün zu sehen, wenn er den Blick senkt, Himmelsblau, wenn er

den Blick hebt, und jenen hellen Bereich dazwischen, der für Gebäude stehen

könnte, asphaltierte Flächen, Mauern und Zäune – jedenfalls etwas vom

Menschen Gesetztes. Nicht der verwischte Eindruck dieser Mittelzone ist es,

was verwirrt. Es sind die Rotanteile des Werks. Kerzen-gerade und fadendünn

steigen sie auf, dichtgereiht und doch wieder transparent, aus dem Grün hoch

ins Blau, an Fontänen erinnernd, die ihr purpurnes Naß in die Luft schießen.

Doch welches Naß? Welche Substanz wurde da zu spritzenden Partikeln

zerschreddert? Ist da eben noch ein Rasenmäher durchs Bild gerollt? Und was

hat er erwischt? Nur ein Bü-schel Mohnblumen – oder nicht vielleicht doch

etwas Kostbareres, Empfindlicheres? Plötzlich hat der Betrachter das Gefühl,

er steht vor einer Szene, die ihre Unschuld verlo-ren hat allein schon weil

in ihr etwas vorgefallen ist, dessen Konsequenzen buchstäblich noch in der

Luft hängen, ohne daß man doch rekonstruieren könnte, was. Durch irgendeine

Manipulation, auf die zurückzukommen sein wird, ist es seinen Augen

entzogen. Des Rät-sels Lösung pocht gleichsam von hinten ans Bild, kommt

aber nicht durch.

Das läßt mich an einen Film denken, den Sie alle kennen. Nein, nicht den

„Rasenmäher-Mann“, frei nach Stephen King. Ich meine „Blow Up“, den

Klassiker der Kinoleinwand, den Michelangelo Antonioni 1966 vor dem

Hintergrund des „Swinging London“ drehte. Sie werden sich erinnern: da ist

der Modefotograf, der sich ein bißchen, gerade so viel, daß es nicht

schmerzt, an den Grenzen seines Metiers reibt und etwas Authentischeres

versuchen möchte. Der Teufel beschenkt ihn genau damit. Als er

Gelegenheitsfotos eines Lie-bespaars in einem Park macht, nimmt er ungewollt

Täter und Opfer eines offenkundigen Mordfalls mit auf. Doch unentzifferbar

klein im Gebüsch. Als er ein Blow Up, eine Ver-größerung herstellt, lösen

sich der leblose Körper ebenso wie die Hand mit der Pistole auf in

grobkörnige Unschärfe. Er ist genauso schlau wie zuvor. Eine Bekannt, der er

das Blow Up zeigt, sagt bezeichnenderweise: „Das sieht aus, als hätte mein

Freund es gemalt.“ Zweifellos ein Vertreter der abstrakten Fraktion. Nolens

volens wird der Fotograf tiefer in den Fall verstrickt: erst entdeckt er die

Leiche am Tatort, zeigt es aber nicht an, weil er plant, es kommerziell

publik zu machen; dann ist die Leiche verschwunden, und beim

Nachhause-kommen muß er feststellen, daß sowohl Abzüge als auch Negative aus

seinem Studio gestohlen worden sind. Ich würde mal vermuten, er hat den

Authentizitätstest nicht bestan-den… Auch in dieser filmischen Meditation

über die Manipulierbarkeit von Medien und Menschen und grundsätzlich über

die Moral des gestalterisch Kreativen klopft des Rätsels Lösung gleichsam

von hinten ans Bild, ohne durchzukommen. Am Ende weiß das Publi-kum nicht

mehr, was jetzt Realität, was Einbildung war, was bedeutungsvoll, was

bedeu-tungslos, was Oberfläche, was tragender Grund.

Das ist so verschieden nicht von den Fragen, davon unser Duo Siebrecht und

Pempeit um-getrieben wird, das seit mehreren Jahren schon künstlerisch

zusammenarbeitet. Bei ihnen ist, dem technischen Stand der Zeit gemäß, die

Körnung des Fotopapiers der Pixelung ge-wichen, der man auf dem Monitor des

Rechners, erst recht aber im aufwendigen Compu-terprint begegnet. Ausgehend

von Farbfotografien beider haben sie ein Konzept von Pro-duktion und

Präsentation entwickelt, das die auf Leinwand gedruckten Ergebnisse

hinein-schickt mitten ins Spannungsfeld zwischen Wirklichkeit und Kunst,

mathematischer Steuerung und freischweifender Inspiration, Individualität

und Austauschbarkeit. Und was jene mysteriöse Kraft betrifft, die von hinten

ans Bild klopft, weil sie definiert werden will – so ist ihre Bestimmung

nicht mehr so sehr Aufgabe des Werkurhebers wie nun des Werkbe-trachters.

Geradezu didaktisch wird der bei der Hand genommen von den diversen

Fünfer-serien. Jede enthält einen Ausdruck des Originalfotos, das von sich

aus mal mehr, mal weniger gegenständliche Wiedererkennbarkeit mitbringt.

Sodann zwei Überarbeitungen, jeweils eine von B.Felician Siebrecht, eine von

K.L.Pempeit, wo streng auf der Basis des digitalen Datenbestands eine

Abfolge gestalterischer Entscheidungen zu völlig unter-schiedlichen

Kompositionen geführt hat. Bleiben zwei weitere Variationen. Auch sie

be-nutzen nichts anderes als den Datenbestand der Originale, wobei seiner

Anordnung jedoch ein spezielles Siebrecht’ sches Computerprogramm

zugrundeliegt. Dessen Algoritmen – sprich: regelhafte Rechen-vorgänge –

ergeben ein Muster, ein Muster von Hunderttausen-den hin- und hergeschobener

Einzelzeichen, das durchaus einer Programmlogik gehorcht, für unseren

Laienverstand aber besser mit „Zufall“ übersetzt wäre. Und „Muster“ ist denn

auch der Begriff, der einem auf die Lippen kommt, wenn es darum geht, die

visuellen Effekte zu beschreiben. Sie gleichen Geweben, wo Farbfäden, lang

und fein und dicht wie Schnürlregen, ineinander verzahnt sind. Oder

unendlich behutsam angefertigten Sandbil-dern, deren edelsteinhaft

leuchtende Pülverchen senkrecht-linear ineinander gekämmt wurden. Da kann

das Purpurrot von einem Flamingorosa abgelöst werden, das Kobalt- von einem

Eisblau. Angesichts der Fünferserie „Rose“ müßte Getrude Stein erst mal

einen Computer-Kurs besuchen, um begreifen zu können, weswegen ihr berühmter

Satz „A rose is a rose is a rose“ auch nach allen Pixel-Manipulationen immer

noch gilt.

Bei den Fünferserien wird im Titel ganz klar unterschieden, welches die

algoritmisch entstandenen Stationen sind und welches die als „Digitale

Malerei“ ausgewiesenen Sta-tionen, die sich dem gestalterischen Gutdünken

der Künstler verdanken – freilich mit un-gleich mehr Zeiteinsatz. Es hebt

die Werke des Duos Siebrecht und Pempeit ab von einer verbreiteten

kommerziell-glatten Tendenz innerhalb der Digitalmalerei, daß sie oft etwas

ausgesprochen Griffiges ausstrahlen, reich an vermeintlichen Überlagerungen,

Wölbungen, Materialtransparenzen wie von Linsen oder Prismen, als handle es

sich bei ihnen um reale Collagen oder Reliefs. Manchmal hat man den

Eindruck, es seien gezielt regelrechte Stör-körper und Irritationsfelder

eingebaut. Bei B.Felician Siebrecht, von der Ausbildung her Malerin, ist

diese Lust an Plastizität und Raum verwunderlicher als bei ihrem Partner

K.L. Pempeit. Denn der fußt auf einer soliden Steinmetz- und

Bildhauergrundlage. Er nimmt seine Herkunft neuerdings wortwörtlich mit den

Fliesenreliefs. Das Dilemma: „Wie kann man eigentlich ein Bild hauen?“ hat

er für sich aufgelöst, indem er per Sandstrahlverfahren höchst komplexe

Motive aus dem schwarzen Granit herausfräst. Wobei ganz am Anfang zwar eine

Zeichnung mit dem Stift stehen kann, immer jedoch eine Digitalübertragung

erst die Pixelstruktur schafft, die in der fertigen Arbeit die Suggestion

von Licht und Schatten und sogar von Tiefenerstreckung schafft.

Ob Schwarz-Weiß im Millimeterrelief, ob rein und kontrastkräftig auf die

Leinwand ge-spritzte Farben, die ihre Mischung nur durch die Nadelausschläge

des Algoritmus erfahren – über der Entwicklung getrennter und gemeinsamer

Konzepte ist für das Künstlerduo Siebrecht und Pempeit die Sinnlichkeit

nicht auf der Strecke geblieben. So scheinen sich nicht nur rätselhafte

Gegenstände und nicht mehr recht einholbare Ereignisse – pochpoch – von der

Rückseite des Bilder her bemerkbar zu machen. Es sind, wie bereits erwähnt,

auch grundsätzliche Fragen, die, allerdings mit etwas anderen Vorzeichen,

während der ganzen Kunstgeschichte gestellt wurden. Die im 19.Jahrhundert

virulente philosophische Kontro-verse über die Unterschiede zwischen dem

Naturschönen und dem Kunstschönen ist heute, zu Beginn des 21.Jahrhunderts,

und namentlich im Kontext der Videor Art Foundation, zur Seite gedrängt von

der Kontroverse zwischen dem Schönen, das von Hand, und dem, das von

Maschinen generiert ist, per Inspiration oder per Programm. Wir, die wir

ästhetischen Genuss aus der Begegnung mit beidem ziehen, können uns schlecht

aus der Kontroverse schmuggeln mit dem Argument, hinter der Maschine und dem

Programm stehe schließlich auch der Mensch. Spüren wir doch, daß die

Wirkungsweise der Resultate unterschiedlich ist, von der Erscheinungsweise

einmal ganz abgesehen. Wenn wir als Publikum heute abend zu keiner

endgültigen Erkenntnis vorstoßen, ist das um so verzeihlicher, als auch

B.Felician Siebrecht und K.L.Pempeit an dieser Nuß noch knacken. Wie wir

wandern sie suchend und grübelnd „zwischen den Zeichen“ umher – daher der

Titel dieser Ausstellung.

© Dr.Roland Held, Darmstadt 2008